Unlust

Wir befinden uns immer noch im zweiten Lockdown. Die dritte Welle ist laut RKI schon da. Viel ist über die Umstände und den Umgang geschrieben und diskutiert worden. Die Dramaturgie dieser Zeit zeigt sich in vielen Gesichter – von ernsthaftem Theater über seichte Schmierenkomödien bis hin zu stilisierten Parodien – es ist alles dabei. Zu beobachten ist ein zunehmendes Schwarz-Weiß-Denken. Jedes Agieren findet vor der Corona-Folie statt. Ein Jahr ist es jetzt her, und es gibt viele Gründe, warum ich seit November nicht mehr geschrieben habe. Aber darum soll es heute nicht gehen. Ich will heute nicht über die Dinge schreiben, die mich vom Schreiben abgehalten habe. Aber schreiben will ich trotzdem. Einfach so, weil mich die Lust gepackt hat. Aber worüber? Während ich nachdenke, fragt mein Mann, ob ich mit einkaufen gehen. Ich nicke und verlass den Schreibtisch. Nun haben wir eingekauft, ich habe gekocht, wir haben gegessen, das Wetter ist zum drinbleiben. Die Kinder haben Freunde da. Mein Mann sucht sein Handy, und ich habe Zeit zum Schreiben. Mir fällt aber nichts ein. Das Schreiben stockt, weil die Lust am Schreiben ein Thema braucht. Oder nicht? Über was schreibt man, wenn die Lust an den Themen über die man schreiben könnte sich in einem Gähnen erschöpfen? Vielleicht schreibe ich über die Ilias von Homer, die ich auf Spaziergängen durch die Stadt höre. Oder sollte ich lieber von Fuck u Göhte 2 schreiben, den wir gestern gesehen und brüllend gelacht haben. Oder von den unsäglichen homeschooling Bedingungen und dem Versagen der Schulpolitik, Impfpolitik, Kulturpolitik, usw.? Ich könnte von dem neuen Tastenhandy unseres Jüngsten erzählen oder von den Kochkünsten meines Patenkindes. Interessant wäre vielleicht auch die Geschichte vom Schimmel in der Speisekammer oder ... Nein, nichts davon reisst mich vom Hocker. Was reisst mich vom Hocker? Worüber lohnt es sich, Gedanken zu machen, sich reinzudenken, die Kulissen zu verschieben, hinter die Fassaden zu schauen, die verschiedenen Erzählsprünge aufzudröseln, zu entwirren, entknoten, aufzublättern ... als ich jetzt den letzten Satz nochmal lese, schüttelt es mich. Was für ein Kraftaufwand, denke ich und schreibe es auf. Schreiben und Denken ein Kraftakt, ein Aufwand, den ich gerade nicht leisten will. Es einfach mal dahin plätschern lassen, das möchte ich lieber. Ein bisschen hier und ein bisschen da; nichts Besonderes aber auch nichts Belangloses. Wer kann das? Einfach so – hab's noch nie probiert. Vielleicht lass ich das hier einfach so stehen, lese es nicht nochmal gegen, lass die Fehler Fehler sein und schreib an einem anderen Tag weiter.